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Steven

Letzter Bruch  

 

Der Dezimalbruch war einst Valeries Geliebter. Als sie jung und schön und voller Energie war, entdeckte sie ihn in einem Mathematikbuch ihres Vaters. Es war ein ganz alter Bruch. Vor dem Komma stand eine dreistellige Zahl. Das rührte sie absolut an. Sie mochte am liebsten dreistellige Zahlen. Nach dem Komma erkannte man fünf Zahlen. Damit musste Valerie sich abfinden, denn wer das eine will, muss das andere mögen.

 

Später traf Valerie mal einen Bruch bei einem Zahnarzt. Der war gerade dabei die Wurzel eines 49jährigen zu ziehen. Es war eine 7. Sofort verliebte sich Valerie in die 7, doch sie war nicht an ihr interessiert. Nun, dann eben nicht. Es war ja sowieso nur eine ungerade Zahl.

 

Einmal schlief Valerie mit einem Dezimalbruch, der war so gebrochen, dass er kaum noch zu gebrauchen war. Aber sie liebte ihn heiß und innig. Valerie dachte: ‚Vielleicht könnte ich ihn ja ein paar Stellen aufrunden.’ Doch diese Rechnung ging nicht auf.

 

Der letzte Bruch ihres Lebens wurde vor einigen Jahren gelöscht. Er war ein wirklich guter Dezimalbruch und Valerie hält ihn ihrer Erinnerung lebendig. Dieser Bruch lässt sich nicht mehr berechnen, denn es war ein Genick Bruch.

 

© by dadacharsta (aus: "Das freundliche Buch vom Tod")

Eine Begegnung auf Zeit - Valerie und Sebastian I

 

Sie befanden sich in einer Menschenmasse, die an einer Straße auf Sherwood Forest und seine Prozession wartete. Ein Mann stand schräg hinter ihr. Valerie hatte ihn flüchtig wahrgenommen. Er überragte alle anderen. So wie die Menschen hier in freudiger Erwartung die stille Zirkulation des Sauerstoffes einatmeten, so fügte sich auch Valerie in das Muster der Menschen ein. Langersehnte tibetische Meister und Mönche wurden von Pilgern begrüßt, die kilometerlange Gassen gebildet hatten. In den Händen hielten sie Kataks, weiße Seidenschals, die Glück verheißen und jetzt fröhlich im Wind wehten.

 

Der Mann tippte Valerie auf die Schulter: „Fräulein, können Sie mir sagen, ob es schon zu spät ist?“ Valerie schaute sich sensibel um: „Es scheint schon Hab-acht  zu sein. Die Sterne am Firmament irren sich nie.“ Er zwinkerte mit seiner Stirnfalte direkt in ihr Schädelhirntrauma. Klanglos drehte sie sich nach vorn, um nichts von dem heiligen Vorbeimarsch zu verpassen. 

 

Später blieben stehen im Fluss der Menschenmassen. „Haben Sie es bemerkt? Jetzt ist die Uhr stehen geblieben. Was meinen Sie, Fräulein, haben unsere Zeiger noch eine Chance?“ Valerie dachte unheimlich nach und sprach gedehnt: „Mein Bauch wölbt sich in ihre Richtung, mein Herr.“ Der Mann freute sich wie ein Junge und klemmte sich das Fräulein unter den Arm. „Haben Sie Lust, Zeit mit mir zu verbringen, Fräulein? Ich kenne ein gemütliches Restaurant in der Nähe. Dort hängen überall Uhren an den Wänden. Was halten Sie davon?“ Valerie kroch unter seiner Elle hervor und flüsterte: „Ja, sehr gerne, dann höre ich das Ticken auch draußen und nicht nur innen.“

 

Sie stiegen auf sein Pferd und ritten über Asphalt entlang. Es wurde die Nacht der Nächte. Die Begegnung schwamm glatt wie ein Aal unter den Blumentöpfen entlang. Der Mann lachte verfrüht in den ausgebreiteten Abend: „Die Zeit hat eben ausgesetzt. Haben Sie es bemerkt, Fräulein?“ Natürlich hatte sie… doch diesen Stillstand noch niemals preisgegeben! Zu sehr schwirrten ausdruckslose Sekunden im Haaransatz herum. Valerie machte eine grobschlächtige Handbewegung und wischte den Zeitraffer hinfort. Der gutmütige Mann war aufmerksam und ließ sich von dem unwirtlichen Verhalten keineswegs beirren. Er lächelte in eine Bahnhofsuhr, an der sie gerade vorüberritten, während Valerie in eine Pause hinein plauderte: „Wie hat Ihnen denn die Prozession von Sherwood Forest gefallen?“ - „Ich bereue keine einzige Minute. Es war das prachtvollste Grün, das ich je gesehen habe!“

 

Später, im Restaurant angekommen, nahmen sie sich einen Platz. Beide hatten die gleiche Zeit. Insgeheim wünschte sich der Mann, dass es auch dieselbe werden würde… „Fräulein, haben Sie Lust, ein wenig Zeit mit mir zu teilen?“ - „Teilen? Müssen wir sie dann spalten? Wird es ihr wehtun?“- „Nein, wenn Sie mit mir die Zeit teilen, wird sie sich verdoppeln! Sie müssen sich nur fallen lassen und mitschwingen. Der Rest dauert von ganz alleine.“ Valerie atmete tief durch. Sollte sie in diesem Moment nun Zeit zeugen? – Schweigend sahen sich Mann und Frau in die Augen. Es waren weise Blicke in der Zeit, zeit-weise eben.

„Wie heißen Sie, junger Mann?“, wagte sie sich in unbekanntes Gebiet vor. „Mein Name ist Sebastian und ich wohne in einer großen Turmuhr. Ich kenne mich also aus in den Gesetzen von Ursache und Wirkung.“ Valerie nippte schnell am Glas, um der Pause in der Zeit zu entwischen. „Das brauchen Sie gar nicht erst zu versuchen, Fräulein. Wenn Sie der Zeit hinfort laufen wollen, machen Sie es nur schlimmer.“ Der Mann schenkte ihr liebevoll ein paar Sekunden. Die in Zeit und Raum Verlorene schaute auf und fasste den Mut beim Schlafittchen: „Ich heiße Valerie und ich will keine Nähe nur so zum Zeitvertreib. Ich möchte die Zeit nicht in einer Beziehung vertreiben. Verstehen Sie, Sebastian?“

Er sah sie ernst an und schob langsam seinen Arm über die Tischdecke. Der klirrende Zeitsprung hinterließ einen langatmigen Moment von Erinnerung an das kalte Büffet einstiger Nächte. In Valerie kämpften zeitverzögerte Vergangenheitsräuber mit Gegenwartspazifisten. Sie spürte, wie die Säbelzahntiger die Gebisse wetzten und die Beute reißen wollten. Zeitentwender oder Zeitenwender?

„Vergessen Sie doch einfach die Zeit, Fräulein Valerie. Atmen Sie aus und lächeln Sie. Das Leben kann so schön sein!“ Valerie fiel eine Träne aus dem Knopfloch. Sie vertuschte diesen zwischenzeitlichen Vorfall zwischen zwei kurze Sekunden. Klaviermusik drang an ihr Ohr, die in den lauen Föhn von Geselligkeit sickerte. In der Ecke erspähte sie eine satte Standuhr, die gemächlich einige Minuten nachging. Und so unauffällig und nebenbei wie nur irgend möglich, berührte ihr Pfötchen die männliche Hand. Endlich fiel Anspannung ab und beide wurden Zeit los.

Sebastian spürte die Kühle ihrer Hand und wagte nicht, sich zu bewegen. Er ließ die Zeit einfach laufen, ließ die Berührung in sich wandern, die prickelnden Zeitsprünge, die aus seinem Unterarm bis ins Hirn schnellten, um dann in sein Herz zu hüpfen und einen Oldie von Ewigkeit zu singen – solange, bis die Zeit gereift war. Behutsam drehte er seine Hand um, bis sich beide in den Innenflächen trafen. Valeries Augen hatten sich schon vor einigen Minuten niedergeschlagen. Sebastian suchte sie vergeblich in den Pupillen. „Fräulein Valerie, darf ich Ihnen sagen, dass Sie eine der zeitintensivsten Personen sind, die mir jemals begegnet ist?“ Valerie fiel es schwer, diese männliche Direktheit auszuhalten, obwohl sie sich tief in ihr Innerstes einbrannte. Sie schwieg. Außenwelt war zu hören, Hintergrundmusik des Sommerabends und das verstörte Ticken von Armbanduhren. „Fräulein Valerie, darf ich Ihr Schweigen als Zustimmung auffassen oder möchten Sie die Zeit mit mir lieber verkürzen?“

Valerie war hin- und hergerissen. Einerseits wollte sie die Zeit ausdehnen auf eine wirklich langlebige Kuckucksuhr, andererseits hatte sie sich in einen Vakuumbereich zurückgezogen, in dem es keinerlei Zeiteigenschaften mehr gab. Sie schwieg zärtlich verbittert und schluckte tapfer das Tränenmeer hinter den Kehlkopfberg. Vielleicht würde sie davonlaufen? Vielleicht würde sie aber auch nur fünf Minuten vorgehen. Schnell sagte sie: „Sebastian, ich habe Angst.“ Sie richtete ihren Kopf auf Augenhöhe. Beide hatten Ein Blick und fielen in ein Zeitloch, das voller Licht und grenzenlos war. Sebastian nahm fest ihre Hand. „Es ist in Ordnung, Fräulein Valerie. Ich habe auch Angst.“

 

Das Stimmengewirr des Abends versandete im Rauschen von Vergänglichkeit. Sie entstiegen diesem Raum. Und später, als Zeit vergangen war - sie hatte sich an den Erregungen der zwei vergangen – beschlossen sie, einen Spaziergang durch die Nacht zu machen. „Darf ich meinen Arm um Ihre Hüfte legen, Fräulein Valerie?“ - „Sebastian, halten Sie mich fest, vielleicht hat es eine Auswirkung auf die Neuzeit. Ich will es neu und sehr bewusst versuchen.“ Sebastians Arm schlängelte sich langsam um ihren Körper und blieb auf der Hüfte ruhen. Die Wärme seines Körpers strahlte auf Valerie aus. Sie atmete unauffällig den Duft der Annäherung ein und stöhnte lautlos den innersten Schmerz ihres Zeitkontinuums in den Kosmos hinaus. Ihre Gedanken an Zeitfresser und Zeit Messer machten eine Pause.

 

Es war äußerst still. Hier und da hörten sie ein Tier schlafen. Die Nacht warf einen Umriss auf den Schatten, der Sebastian war. Valerie blieb stehen, näherte sich seinem Gesicht und hauchte einen absolut einsamen Kuss auf seine Zunge. Sebastian schloss die Augen und öffnete liebevoll sein Herz.

 

Der Moment verblieb ohne Minuten und Sekunden.


© by dadacharsta (aus "Valerie, die Frau mit Brust - erotische Surreal-Poesie")

© 2011 by dadacharsta
letzte aktualisierung am 3.4.2012


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